Tokenisierung und die Zukunft europäischer Eigentumsrechte
Wie Europas kleinster Staat zu einem der fortschrittlichsten Versuchslabore für digitale Eigentumsrechte wurde.
Die digitale Transformation von Eigentumsrechten ist längst keine theoretische Diskussion mehr, die sich auf die akademische Welt oder technologische Experimente beschränkt. In ganz Europa definieren die Distributed-Ledger-Technologien (DLT) zunehmend traditionelle Konzepte zu Eigentum, Besitz und Übertragung von Rechten neu.
Token werden nicht mehr nur als spekulative Krypto-Vermögenswerte oder technische Einheiten auf einer Blockchain betrachtet. Stattdessen sind sie zu rechtlich relevanten Rechtsträgern geworden, die an alltäglichen rechtlichen Transaktionen teilnehmen können.
Einzug im Alltag
Während einige Jurisdiktionen noch mit fragmentierten Regulierungsansätzen kämpfen und sich mit der rechtlichen Einordnung schwer tun, hat sich Liechtenstein als eines der fortschrittlichsten, praxisrelevantesten «Versuchslabore» für digitale Eigentumsrechte weltweit einen Namen gemacht.
Das erste Gesetz für Token
Im Zentrum dieser Entwicklung steht das liechtensteinische Gesetz über Token und vertrauenswürdige Technologie-Dienstleister (TVTG), das im Januar 2020 in Kraft trat. Im Gegensatz zu vielen anderen Regulierungsansätzen, die einzig Kryptowährungen oder die Beaufsichtigung von Dienstleistern regeln, verfolgt das TVTG einen weitaus umfassenderen und konzeptionell innovativen Ansatz.
Anstatt einzelne Technologien zu regulieren, schafft es einen technologieneutralen Rechtsrahmen für die Tokenisierung von Rechten und Vermögenswerten und führt dabei nicht nur einen aufsichtsrechtlichen, sondern zusätzlich auch – und dies gilt es besonders hervorzuheben – einen zivilrechtlichen Rahmen ein.
Damit wurde Liechtenstein zum weltweit ersten Land, das Blockchain-basierte Vermögenswerte systematisch in privatrechtliche Strukturen integriert. Während der aufsichtsrechtliche Teil des TVTG weitgehend durch die Europäische Verordnung über Märkte für Krypto-Vermögenswerte (MiCAR) ersetzt wurde, bleibt der zivilrechtliche Rahmen jedoch bestehen.
Vielfältige Möglichkeiten
Eine zentrale Neuerung des TVTG ist das sogenannte Token Container-Modell. Nach diesem Konzept fungiert ein Token als rechtlich anerkannter «Container», der in der Lage ist, eine breite Palette von Rechten darzustellen und zu übertragen.
Dazu können unter anderem Eigentumsrechte, vertragliche Ansprüche, Mitgliedschaftsrechte, Rechte an geistigem Eigentum oder Rechte im Zusammenhang mit physischen Vermögenswerten wie Immobilien, Rohstoffen, Fahrzeugen oder Kunstwerken gehören.
Zwar bot das bisherige Recht eine rechtliche Grundlage für die Übertragung von Eigentum, doch musste die Grundlage für eine wirksame Übertragung von tokenisiertem Eigentum sowie neuer digitalen Vermögenswerte geschaffen werden.
Vereinfachte Übertragung
Die TVTG sieht daher vor, dass die Übertragung eines Tokens in einem TT-System (wie beispielsweise DLT) eine verbindliche Übertragung des zugrunde liegenden Rechts darstellt – und zwar unabhängig davon, ob es sich dabei um ein Recht an einem physischen Gegenstand, ein gesetzliches Recht oder einen digitalen Vermögenswert handelt.
Bisher erforderte die Übertragung von physischen Vermögenswerten wie etwa Kunstwerken entweder eine physische Übergabe oder die Einhaltung komplexer rechtlicher Formalitäten.
Dank der Tokenisierung wird es möglich, solche Rechte digital abzubilden und sie über ein DLT-System deutlich effizienter, transparenter und mit höherer Teilbarkeit zu übertragen. Vermögenswerte, die bisher durch Illiquidität und hohe Eintrittsbarrieren gekennzeichnet waren, können damit in kleinere Einheiten aufgeteilt und weltweit mit vergleichsweise geringen Transaktionskosten gehandelt werden.
Vertrauen als Basis
Gleichzeitig zeichnen Blockchain-basierte Infrastrukturen die Eigentumshistorie transparent und manipulationssicher auf, wodurch Informationsasymmetrien verringert und das Vertrauen zwischen den Marktteilnehmern gestärkt wird.
Technologische Funktionalität allein kann jedoch kein nachhaltiges Vertrauen schaffen. Das Vertrauen in digitale Eigentumssysteme hängt letztlich von Rechtssicherheit, Durchsetzbarkeit und institutioneller Zuverlässigkeit ab.
Rechtssicherheit für Innovation
Genau hier hebt sich das liechtensteinische Regulierungsmodell von vielen anderen Rechtsordnungen ab. Durch die Einbettung der Tokenisierung in eine etablierte Rechtsordnung hat Liechtenstein die DLT von einem weitgehend experimentellen Phänomen in eine rechtlich durchsetzbare Infrastruktur für wirtschaftliche Aktivitäten umgewandelt.
Liechtenstein dient daher nicht nur als nationales Experiment, sondern zeigt, dass technologische Innovation und Rechtssicherheit sich nicht gegenseitig ausschliessen. Die enge Zusammenarbeit zwischen Gesetzgebern, Regulierungsbehörden, Finanzinstituten und Technologieanbietern in Liechtenstein veranschaulicht, wie vergleichsweise kleine Rechtsordnungen als agile Innovatoren innerhalb der breiteren europäischen Rechtslandschaft agieren können.
Dr. Thomas Nägele, Präsident CCA Trustless Technologies Association