Der Wert persönlicher Beziehungen in der digitalen Welt
Dank der Digitalisierung können Informationen einfacher beschafft oder Aufträge schneller ausgeführt werden. Doch persönliche Beziehungen vermag sie nicht zu ersetzen.
Die Welt wird digitaler, künstliche Intelligenz gewinnt rasant an Bedeutung, kommuniziert wird per Mail oder Messenger. Was sind persönliche Beziehungen also heute noch wert?
Kennen Sie das: Sie rufen bei einem Unternehmen an oder kontaktieren dieses über den Chat auf der Webseite, und schon bei den ersten Worten merken Sie, dass am anderen Ende kein Mensch mit Ihnen kommuniziert. Sei es wegen generischer Antworten oder unpassender Nachfragen, es fühlt sich anders an. Sind Sie dann froh, mit einer Software zu kommunizieren, oder hätten Sie lieber mit einem Menschen gesprochen? Bei mir ist das je nach Situation verschieden: Manchmal ist es praktisch, ohne Umwege zu einer Lösung zu gelangen, die der Computer sogar schneller bietet als ein Mensch.
Bei wirklich komplexen oder heiklen Fragen aber möchte ich mit einem Menschen sprechen, denn dafür benötige ich Vertrauen in mein Gegenüber.
Vertrauen in der digitalen Welt
Vertrauen bedeutet, dass man eine Erwartung hat, wie sich das Gegenüber verhält, und dass dieses Verhalten redlich ist. Man verlässt sich darauf, dass einem kein Schaden zugefügt wird, sondern im besten Sinne von einem selbst gehandelt wird. Dabei gibt es verschiedene Arten von Vertrauen, etwa auf persönlicher Ebene oder gegenüber Institutionen. Und selbst das Vertrauen in Institutionen baut häufig auf Erfahrungen mit Personen auf, oder zumindest auf einer langen Geschichte «richtigen» Verhaltens.
Persönliche Beziehungen als Fundament
Dabei wird das Verhalten aus der Vergangenheit auf Gegenwart projiziert: Wie hat sich die andere Person in einer Situation verhalten? Hat sie nur auf sich selbst geschaut oder auch meine Position berücksichtigt? War sie transparent und ehrlich? Diese Fragen stellen wir uns bewusst oder unbewusst, wenn wir abwägen, ob wir einer Person oder Institution vertrauen. Es geht letztlich immer um die Erwartung und Einschätzung des Verhaltens eines anderen, und dabei hilft es, diesen zu kennen. Nur so ist eine realistische Einschätzung und damit ein Vertrauensverhältnis möglich. Sich zu kennen und eine persönliche Beziehung zu haben, schafft also Verlässlichkeit und damit Vertrauen.
Das gilt auch gegenüber digitalen Systemen: Wir alle vertrauen darauf, dass elektronische Überweisungen funktionieren oder dass die App unserer Bank sicher ist. Doch auch dieses Vertrauen baut letztlich darauf auf, dass wir der dahinterstehenden Institution vertrauen. Bei einer neuen App gehen deshalb die wenigsten sofort All-in, sondern probieren diese zuerst aus. Vertrauen basiert also immer auf Erfahrungen und persönlichen Beziehungen.
Vertrauen und Recht
Wir Rechtsanwälte entwerfen Verträge, die ein Geschäft möglichst umfassend regeln und auch für viele Eventualitäten Lösungen bereithalten. Sie schaffen so den rechtlichen Rahmen. Ob eine Geschäftsbeziehung aber langfristig trägt, entscheidet sich an einer anderen Frage: Vertrauen die Beteiligten einander auch dann, wenn es schwierig wird?
Gerade im internationalen Umfeld ist das von Bedeutung. Liechtenstein bietet kurze Wege und internationale Vernetzung, Anliegen werden rasch verstanden, Ansprechpartner bleiben greifbar, komplexe Sachverhalte lassen sich persönlich einordnen. So kann Vertrauen entstehen, weil der Kunde nicht ständig einen anderen Partner antrifft, sondern einen Ansprechpartner – im besten Fall über viele Jahre.
Vertrauen ersetzt niemals Professionalität
Vertrauen und persönliche Beziehungen sind wichtig und erleichtern die Zusammenarbeit, da Erwartungen bekannt sind und man sich aufeinander verlassen kann. Sie ersetzen aber nie die Professionalität: Vertrauen ist wichtig, darf jedoch nicht Kontrolle und Sorgfalt ersetzen. Dazu gehört auch, unangenehme Dinge offen anzusprechen oder auf Risiken aufmerksam zu machen, selbst wenn das Gegenüber diese lieber ausblenden möchte.
Letztlich ist es in der Geschäftswelt wie im privaten Leben: Beziehungen funktionieren nur mit gegenseitigem Vertrauen, Transparenz und offener Kommunikation. Das hat sich seit Jahrhunderten bewährt – und wird sich auch in der digitalen Zukunft bewähren.
Dr. Manuel Walser, Präsident Liechtensteinische Rechtsanwaltskammer (RAK)