Nachhaltigkeit wird Mainstream

Unternehmen müssen Themen rund um Umwelt, Soziales und Führung pro-aktiv angehen und in der gesamten Organisation verankern, um Compliance- und Haftungsrisiken zu vermeiden.

In den letzten Jahren haben wir einen Paradigmenwechsel erlebt: Die ethischen Maßstäbe, die im Bereich Nachhaltigkeit oder ESG (Environmental, Social, Governance) an Unternehmen gestellt werden, haben sich massiv erhöht. Ob Erderwärmung, Artenvielfalt, Diversität, Einhaltung von Menschenrechten in Lieferketten oder Vorstandsbezüge: Unternehmen und ihre Führung sind umfassend Rechenschaft schuldig und sehen sich regelmäßig Kampagnen von Aktivisten und NGOs ausgesetzt. Investoren und Kapitalmärkte fordern Einsatz für eine klimafreundliche Wirtschaft oder Audits zu Inklusion. Auch Rechtsstreitigkeiten oder Klagen konzentrieren sich zunehmend auf ESG-Themen.

Diese Entwicklungen gehen einher mit einer Regulierungswelle aus neuen Gesetzen und Pflichten für Unternehmen. Die Entwicklung von freiwilligen Regelungen rund um ESG-Themen hin zu einem stärker regulierten und verpflichtenden Regime ist in vollem Gange. Laut der Anwaltskanzlei Herbert Smith Freehills hat es seit 2018 über 170 ESG-Regulierungsmaßnahmen auf nationaler und EU-Ebene gegeben, wobei Europa mit rund 65 % aller ESG-bezogenen Regulierungen weltweit führend ist.

Unternehmen müssen die neuen Vorschriften anwenden sowie umfassende Berichts- und Offenlegungspflichten erfüllen. Das ist richtig und wünschenswert, aber oft komplex und in der Praxis nicht ohne Tücken. Wer es nicht korrekt umsetzt, dem drohen Bußgelder oder behördliche Verfahren wegen Compliance-Verstößen. Im ESG-Spektrum müssen Unternehmen auch mit neuen Haftungsansätzen, geänderter Rechtsauslegung sowie höheren Klage- und Prozessrisiken rechnen – und nicht zuletzt auch mit Reputationsrisiken durch negative Berichte in Medien oder sozialen Netzwerken.

Von Artenvielfalt bis Wassermanagement: Das Spektrum der ESG-Themen ist breit. Auf welche Bereiche sollten Unternehmen ein besonderes Augenmerk richten? Eine Studie der Allianz nennt folgende Schwerpunkte:

  • Klimawandel:  Die Klimakrise wurde durch die Pandemie nur kurzzeitig in den Hintergrund gedrängt. Unternehmen müssen darlegen, welche Risiken die Erderwärmung und ihre Folgen für ihr Geschäft und ihre Standorte bedeuten und wie sie zu einer klimafreundlichen Wirtschaft beitragen können.
  • Im letzten Jahr gab es einen starken Anstieg von Rechtsstreitigkeiten zu Diversität in Unternehmen, insbesondere in den USA; dabei wurde den Vorständen eine Pflichtverletzung wegen mangelnder Vielfalt in Führungsgremien vorgeworfen.
  • Umweltverschmutzung: Unternehmen müssen angemessene Risikomanagement-Prozesse haben, um Umweltkatastrophen zu verhindern bzw. angemessen darauf reagieren zu können.
  • Greenwashing-Behauptungen: Vorfälle, in denen Unternehmen irreführende Angaben machen, um ein umweltfreundlicheres oder verantwortungsbewussteres Image zu präsentieren, waren in den USA bereits Gegenstand von Gerichtsverfahren. Auch in Europa nimmt die Sensibilisierung für dieses Thema zu.
  • Cybersicherheit entwickelt sich zu einem wichtigen Governance-Thema. Unternehmen müssen IT-Sicherheitsstandards erfüllen und Prozesse zur Überwachung und Abwehr von Cyberrisiken vorhalten.

Die Allianz Gruppe hat ESG-Themen systematisch in allen Geschäftsbereichen verankert – von der Vermögensverwaltung über das Versicherungsgeschäft bis hin zum eigenen Geschäftsbetrieb. Aus unserer Erfahrung ist ein starkes Engagement auf Management- und Vorstandsebene wichtig, um ESG-Aspekte in das unternehmensweite Risikomanagement und in alle relevanten Geschäftsprozesse zu integrieren. ESG sollte nicht nur einige Male im Jahr auf der Tagesordnung des Vorstands stehen. Vielmehr sollten Unternehmen Nachhaltigkeitsdenken in der gesamten Organisation durchgängig verankern.

Thomas Schatzmann, Vorstandsmitglied des Liechtensteinischen Versicherungsverbands und Chief Financial Officer von Allianz Risk Transfer

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